Von ritualisierten Eiswürfelbeuteln, exzellenten Hotelerinnerungen und einem guten Gefühl: herzlich willkommen in Belgrad

Hallo aus Belgrad. Mein Name ist Thorsten Vogt, ich bin Mediendirektor bei Brose Bamberg und nehme euch mit auf einen kleinen Blick hinter die Kulissen unseres Trainingslagers in der serbischen Hauptstadt.

Trainingslager sind wichtig. Ein paar Tage 24 Stunden am Stück aufeinander- und zusammenzuhängen verrät viel über einen. Und den anderen. Wie ticken die Leute. Vor allem bei einer nahezu komplett neuzusammengestellten Truppe ist das enorm wichtig. In unserem Fall aber eigentlich ganz schön langweilig. Denn der Eindruck der ersten Trainingswochen bestätigt sich auch hier in Belgrad. Das Team funktioniert. Jeder ist angekommen, jeder ist Teil der Gruppe. Das ist toll zu sehen und faszinierend zu beobachten. Und dennoch lernt man natürlich die Ticks des anderen kennen. Physiotherapeut Kilian Flierl etwa haut die Eisbeutel, die es nach Trainingseinheiten für die Spieler gibt, genau fünfmal auf den Boden oder gegen die Wand. Nicht viermal, nicht sechsmal, nein genau fünfmal. Nur einer hat keine Ticks. Keine offensichtlichen zumindest. Er ist das Genie des Einleitungswortwitzes. Auch diese Saison. Meine Damen und Herren, hier ist sie: die erste Reiseblogeinleitung der neuen Saison. Und hier ist er: Dominik Günthner.

„Halli, Hallo, Hallöchen ihr Lieben,

und das Wichtigste gleich vorneweg: in unserer Kultur – und auch unserem Verein – in der es zunehmend auf Jugendlichkeit und den damit verbundenen Attributen wie etwa Athletik, Dynamik und Lernbereitschaft bei zugleich riesigem Einsatz ankommt, kann ich endlich wieder stolz von mir behaupten: ich bin der Jüngste im Coaching Staff. Diese Tatsache geht natürlich mit einer riesigen Bürde einher, die ich aber mehr als bereit bin anzunehmen, zu tragen und natürlich auf höchstem Niveau auszufüllen. Ob mir dies gelingen wird weiß ich nicht, Gott sei mein Richter.

Wie man so schön sagt: alles belgisch macht der August. Meine Italienischkenntnisse kann ich jetzt nur noch mit Sandro pflegen. Allerdings munkelte man bereits seit langem, dass das, was Sandro spricht, eigentlich auch kein richtiges italienisch sei.

Jetzt sitze ich hier im Trainingslager in Belgrad und sinniere über die lange Tradition deutscher Besuche in dieser altehrwürdigen Stadt. Über die deutschen Ordensritter, die hier Halt machten während der Kreuzzüge auf dem Weg ins Gelobte Land, den deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa bis hin zu Kaiser Wilhelm II.

Eines der Wahrzeichen Belgrads, an dem auch wir immer wieder vorbeifahren, ist der Genex-Turm. Er sieht aus wie zwei dicke Röhren, die am oberen Ende miteinander verbunden sind. Er wird auch als das Westtor Belgrads bezeichnet und ist das zweithöchste Gebäude der Stadt. Das insgesamt 35-stöckige Hochhaus wurde 1977 vom Architekten Mihajlo Mitrović im Stil des Brutalismus entworfen und unter seiner Leitung bis 1980 fertiggestellt. Der Brutalismus ist ein Architekturstil der Moderne, der ab 1950 Verbreitung fand. Der Begriff findet seinen Ursprung im französischen béton brut (‚roher Beton‘, Sichtbeton), mit dem Le Corbusier seinen bevorzugten Werkstoff beschrieb.

Um es nun mit Martin Luthers Worten zu Ende zu bringen: ‚Jugend ist wie ein Most. Der lässt sich nicht halten. Er muss vergären und überlaufen.‘

Zurück zu dir ins Studio, Thorsten."

Danke, Dominik!

Acht Trainingseinheiten, zwei Spiele, das alles in gerade einmal vier Tagen (Mittwoch war Anreise, Montag geht’s bereits gaaaaanz Früh wieder zurück) – wir sind hier wirklich zum Arbeiten. Alle. Spieler und Trainer sowieso. Aber auch die Physios haben einen hammerharten Tagesablauf. Denn irgendein Zipperlein hat jeder. Immer. Daher stehen Heiko Pfister und Kilian Flierl 24/4 zur Verfügung. Wahnsinnsleistung der beiden. Auch Teammanager Ivan Djerman ist ununterbrochen am Machen und Tun. Am Handy. Mit Busfahrern. Mit dem Hotelpersonal. Sein Vorteil: der gebürtige Kroate spricht die Sprache. Das macht es für alle einfacher. Und dennoch: sein Organisationstalent ist legendär. Wer bleibt noch? Der Sportdirektor schreibt viel WhatsApps. Telefoniert. Logisch, einer fehlt ja noch. Und er beobachtet viel. Und genau. Und gibt nebenbei dem Medientypen auch noch Interviews in deutscher Sprache. Hut ab. Ach ja, der Medientyp. Der macht ein bisschen Fotos, ein paar Videos, nen Podcast, diesen Reiseblog und eine informative Geschichte mit Stefan Weissenböck. Was genau? Das erfahrt ihr am Sonntag.

Wir sind im Holiday Inn untergebracht. Schönes Hotel. Wird neu renoviert, daher ist’s ein bisschen staubig. Aber nett. Und das Hotel hat Geschichte. Bamberger Geschichte sogar. Wir waren nämlich bereits 2013 schon einmal hier untergebracht. Zum Euroleaguespiel gegen Partizan. 7.500 Zuschauer in der Pionir Arena. Fanatiker aller Orten. Polizeischutz für jeden einzelnen von uns. Sieben Punkte Rückstand nach drei Viertel. Und ein 22:10 in den letzten zehn Minuten. Ein 17:4-Run in den letzten fünf. Nachbar und Jacobsen waren die Topscorer. Gavel zog das Spiel in der entscheidenden Phase an sich. Sieg. Schöner noch: Auswärtssieg. In der Euroleague. Nach zweimal Málaga in den Jahren zuvor, der erst dritte Erfolg auf gegnerischem Parkett überhaupt. Hart erkämpft. Und gegen viele Widrigkeiten. Denn – jetzt kommt wieder das Hotel ins Spiel – der Bus, der uns eben am Hotel abholen und zur Halle bringen sollte, hatte mal eine lockere halbe Stunde Verspätung. Der Verkehr war’s gewesen. Sagte der Busfahrer. Psychotrick. Sagten wir. Am Ende war’s egal. Wir hatten gewonnen und das Hotel blieb in bester Erinnerung…

Der Zeitplan in Belgrad ist eng gestrickt. Als Beispiel sei einmal kurz unser erster Tag skizziert. Frühstück 8.30 Uhr. 9.10 Uhr Abfahrt in die Halle. Training von 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr. 13 Uhr Mittagessen. Kurze Ruhepause, bevor es um 16.30 Uhr wieder in die Halle ging. Zweite Trainingseinheit von 17 bis 20 Uhr. Halb neun Abendessen. Danach: Behandlung, die letzte meist um kurz vor oder nach Mitternacht. Schlafen. Am nächsten Tag das gleiche bzw. ein ähnliches Programm. Die Trainingseinheiten selbst sind anspruchsvoll. Es wird viel gelaufen, gehantelt, geworfen. Aber auch gelacht. Das ist wichtig und auffällig. Die Stimmung stimmt. Jeder hat einen lockeren Spruch parat. Oder auch mal zwei. Oder drei. Natürlich ist es noch extrem früh in der Saison. Und dennoch: ich, der ich mittlerweile in meine neunte Spielzeit hier gehe, habe ein gutes Gefühl. Das bedeutet natürlich nichts. Vor allem nicht, dass wir jedes Spiel gewinnen werden. Sicher nicht. Aber wir werden jedes Spiel eine Mannschaft sehen, die Spaß hat. Und – noch wichtiger – die Spaß macht. Da bin ich mir bereits in dieser frühen Phase sehr sicher.

Soviel von hier und jetzt. Besten Dank für’s Lesen. Dominik und ich werden diese, wie wir finden, sehr schöne Tradition der Reiseblogs fortführen. Das heißt: der nächste kommt am 16. Oktober aus Prag. Da spielen wir nämlich unser erstes Champions League Spiel gegen Nymburk. Bis dahin gilt wie immer: Anmerkungen, Wünsche und Kritik gerne jederzeit an thorsten.vogt@brosebamberg.de.

In diesem Sinne, bleibt sportlich.

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