Von ruhigen Reisen, schiefen Linien und traurigen Singleplätzen: herzlich willkommen in Bar

Hallo aus Bar. Mein Name ist Thorsten Vogt, ich bin Mediendirektor bei Brose Bamberg und nehme euch mit auf einen kleinen Blick hinter die Kulissen unserer Reise an die Adriaküste.

Montenegro also. Hier Bar. Es ist schon ein privilegiertes Leben, das wir haben. Man kommt an Orte, an die man wahrscheinlich unter normalen, nicht basketballerischen Umständen nicht kommen würde. Und das wäre schade, denn es ist schön hier. Bar liegt direkt an der Ostküste des adriatischen Meers. Und Bar ist ein durchgemischter Haufen an Kulturen. Rund 13.500 Einwohner zählt die Stadt, von deren Hafen aus Fähren unter anderem nach Italien ablegen. Diese 13.000 setzen sich aus Montenegrinern, Serben, Kroaten, Albanern, Bosniaken und ethnischen Muslimen zusammen. Wirklich buntgemischt also. Woher weiß man das? In Montenegro gibt es gesetzlich festgeschrieben alle zehn Jahre eine Volkszählung. Nachdem bei der letzten rund 600 Personen in Bar aber keine Angabe zu ihrer Nationalität gemacht haben, ist nicht bekannt, ob eventuell auch Deutsche hier leben. Ein paar sind in jedem Fall für zweieinhalb Tage hier. Einer davon ist Dominik Günthner, dem natürlich auch im Kalenderjahr 2020 – dazu übrigens noch alles Gute, vor allem natürlich Gesundheit – die Einleitung obliegt.

„Halli, Hallo, Hallöchen ihr Lieben,

heute melde ich mich aus Bar. Jetzt fragt man sich, Bar kenn ich, nur nicht als Land. Aber die kleine Stadt im Süden Montenegros liegt recht malerisch an der Adriaküste und so befindet sich auch das Hotel notgedrungen am Strand.

Bei Strand denkt man natürlich sofort an Klimawandel. Wenn der Meeresspiegel steigt, wird dann dieser schöne Strand auch verschwinden? Wie wirkt sich der Klimawandel von heute auf die Zukunft aus? Werden meine Kinder noch in einer Welt leben können, die sich zu stark erwärmt hat? Wer sind die schlimmsten Treibhausgasemittenten, und wo ist Deutschland beim CO2-Ausstoß einzustufen? Diese und viele andere Fragen kommen einem in den Sinn. Ich möchte mich aber dem Thema Urlaub widmen.

Das Reisen an sich ist ja dem Menschen grundsätzlich nicht fremd. Schließlich sind bereits vor Millionen von Jahren die Urmenschen aus Afrika nach Europa gewandert. Und auch im römischen Reich war das Reisen wichtig, denn ein so großes Reich ohne Repräsentanten, die der Hauptstadt Rom loyal waren, ist kaum zu regieren. Das Reisen als Urlaub kam dann aber so richtig in den 1930er Jahren auf, als man erkannte, dass man das Reisen als Propagandamittel für die nationalsozialistischen Zwecke nutzen kann. Mit Aufkommen der kommerziellen Luftfahrt war dann natürlich der Urlaub, wie wir ihn heute kennen, erst so richtig möglich. Die deutschen Lieblingsziele Mallorca und Konsorten wurden erst durch das Flugzeug so richtig möglich. Das ‚Dolce Vita‘ in Italien konnte man schon vorher auch mit dem Auto kosten, aber nach Italien zieht es die Deutschen schon immer, das kam im 18. Jahrhundert schon auf.

Das war mein kurzer Abriss zum Thema Urlaub. Wer noch Fragen zum Klimawandel hat, immer gerne her damit…

Zurück zu dir ins Studio, Thorsten.“

Danke, Dominik.

Die Anreise war lang. Und ruhig. Gerade einmal neun Stunden nach dem Spiel gegen Berlin haben wir uns wieder getroffen, um vom Trainingszentrum aus nach Nürnberg zu fahren, von dort aus nach Wien zu fliegen und dann weiter nach Podgorica. Anschließend ging es nochmal eine knappe Stunde mit dem Bus nach Bar. Alles in allem waren wir gut zehn Stunden unterwegs. Und da wurde vor allem zu Beginn nur sehr wenig geredet. Natürlich, es war früh. Aber es war eben auch erst ein paar Stunden her, dass wir aus dem Pokal ausgeschieden waren. Das steckt man nicht so einfach und schnell weg. Aber man muss. Schließlich steht am Tag drauf die nächste schwere Aufgabe bevor. Der Kopf muss schnellstmöglich frei werden. Dabei hilft natürlich auch eine andere, schöne Umgebung. Unser Hotel liegt am Meer, aus den Zimmern hat man einen Blick direkt aufs Wasser. Das hellt auch die Stimmung auf. Das Training am gestrigen Abend war denn auch wieder etwas lockerer, jetzt wurde wieder viel geredet. Am heutigen Vormittag gabs eine ausführliche Videoeinheit, anschließend das Abschlusstraining. Die Mannschaft ist fokussiert, die Mannschaft will, die Mannschaft ist eine Einheit.

Der Gegner hat das Meer praktisch im Namen. Košarkaški klub Mornar Bar, wie der Verein offiziell und gänzlich heißt, bedeutet frei übersetzt „Basketballclub Matrose Bar“. 1974 gegründet hat der Club zwar noch keine ganz großen Titel vorzuweisen, war aber immerhin Andresse für einige namhafte Topspieler. Nikola Vučević, seit 2012 bei den Orlando Magic, spielte hier. Ebenso Vladimir Mihailović, vielen deutschen Fans sicherlich noch aus seiner Zeit in Tübingen, Würzburg oder zuletzt Oldenburg bekannt. Aktuell steht ein Ex-Bamberger unter Vertrag. Damir Markota war in der Saison 2014/2015 für ein paar Spiele bei uns. Unter anderem bei einer Partie in Kaunas. Dort gibt es die Besonderheit, dass sich im Keller des Hotels ein Spielcasino befindet. Long story short: Damir hat damals nicht nur ein Basketballspiel verloren…

Sport, und hier insbesondere Basketball, hat in Montenegro einen hohen Stellenwert. Beispiel hierfür: das erste Programm, das man bekommt, wenn man in unserem Hotel den Fernseher einschaltet ist NBA TV. Das zweite, Arena Sport, übertrug gestern Nachmittag Spiele einer U14-Mannschaft live. Apropos live. Das übernimmt bei unseren Spielen ja der Streamingdienst DAZN.com. Mit den Kollegen gibt es auch am Spieltag selbst einen regen Austausch. So bekommt der jeweilige Kommentator von mir um die Mittagszeit eine Nachricht mit allen relevanten Informationen zu unserer Reise, zu unserem Aufgebot, zu Verletzten, zu sonstigen Details, die für seinen Kommentar nützlich sein und den Zuschauern einen Mehrwert bieten könnten. Zudem liest er – heute übrigens Stefan Koch – diesen Blog (also hoffentlich tut er das) und kann daraus ebenfalls ein paar nette Geschichten mit einbauen. Während des Spiels sind wir per WhatsApp verbunden, sprich, ich schreibe ihm, wenn etwas außerhalb des Kamerabildes passiert, beispielsweise ein Spieler aufgrund einer Verletzung nicht mehr aktiv eingreifen kann. In der BBL läuft das übrigens ähnlich ab. Da gibt es ein, zwei Tage vor der jeweiligen Partie ein kurzes Telefonat zwischen mir und dem jeweiligen Sendungschef. Darin werden Interviews abgesprochen, Themen abgeklopft. Am Spieltag selbst findet rund zweieinhalb Stunden vor Tip-Off ein Redaktionsmeeting statt, in dem die Sendung theoretisch durchgespielt wird. Während das Spiel läuft gibt es den Austausch via WhatsApp, in dem auch gut drei Minuten vor Ende festgelegt wird, welcher Spieler nach der Sirene zum Interview gewünscht und von mir gebracht wird.

Aber zurück zur Basketball Champions League und nach Bar. Die Heimspiele der Matrosen finden in der Topolica Sport Hall statt, einer rund 3.000 Zuschauer fassenden Arena am Rande der Stadt. 2009 eröffnet wurde seitdem auch nur wenig gemacht. Putz bröckelt, es wirkt einfach alt. Das ist aber in vielen Hallen so. Ich erinnere mich schauderhaft an die alt-ehrwürdige „Pionir Arena“ in Belgrad, an die Halle in Mailand und die in Barcelona. Alle alt, alle auf dem nicht mehr ganz aktuellen Stand der Technik – aber alle haben einen gewissen Charme. Nun ja, der geht hier ein bisschen ab, dafür sind die Linien schief. Die Freiwurflinie hat einen Knick. Zwar nur einen kleinen, aber einen Knick. Ansonsten: der Würfel hängt weit oben. Gute 15 Meter über dem Spielfeld. Das aber ist wahrscheinlich für die oberen Reihen genau sinnvoll, denn die Tribünen gehen steilst gen Himmel. Und noch etwas Kurioses gibt es. Auf der Tribüne Süd-Links gibt es einen einzigen Platz umgeben von Mauern. Ein Singlesitz also. Komisch. Und irgendwie traurig anzusehen. Ich werde beobachten, wer da heute Abend sitzt…

So viel von hier und jetzt. Den nächsten Blog gibt’s am 28. Januar aus Peristeri. Bis dahin gilt wie immer: Anmerkungen, Kritik, Verbesserungsvorschläge, Themenwünsche – aber natürlich auch Lob und Anerkennung könnt ihr mir gerne jederzeit per Mail an thorsten.vogt@brosebamberg.de schicken.

In diesem Sinne, bleibt sportlich.

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